Schutzkleidung für EX-Bereiche: ATEX & Normen erklärt
Schutzkleidung zum Arbeiten in EX Bereichen mit ATEX Standard
ATEX-zertifizierte Jacken gibt es nicht. Die Richtlinie 2014/34/EU regelt nur Geräte und Schutzsysteme, Schutzkleidung wird stattdessen nach der PSA-Verordnung (EU) 2016/425 zertifiziert. Für Ihre Beschaffung gelten folgende Kernpunkte:
Schutzkleidung wird nach der PSA-Verordnung (EU) 2016/425 in Kategorie III zertifiziert, nicht nach ATEX.
Antistatische Kleidung nach EN 1149-5 ist nur zusammen mit Flammschutz nach EN ISO 11612 zulässig.
In Zone 0 und 1 ist das Umziehen laut TRGS 727 verboten; der Schutz wirkt nur bei vollständiger Erdung über Schuhwerk und Boden.
Multinorm-Kleidung kostet ab rund 30–90 € für Einstiegsteile bis 140–185 € für Premium-Overalls.
ATEX-zertifizierte Schutzkleidung: Gibt es das wirklich?
Nein. Die Richtlinie 2014/34/EU legt EU-weit einheitliche Vorschriften für den Verkauf und Betrieb von Geräten und Schutzsystemen in explosionsgefährdeten Bereichen fest (Pumpen, Motoren, Leuchten, Messtechnik). Schutzkleidung fällt nicht in ihren Anwendungsbereich. Wenn Ihnen ein Anbieter ein "ATEX-Hemd" verkaufen will, greift er auf einen Begriff zu, der für Textilien schlicht nicht existiert.
Maßgeblich für Ihre PSA ist stattdessen die PSA-Verordnung (EU) 2016/425, seit April 2018 unmittelbar geltendes EU-Recht. Schutzkleidung für den Einsatz in Ex-Bereichen zählt aufgrund des hohen Risikos zur Kategorie III und muss entsprechend geprüft und mit Konformitätserklärung ausgeliefert werden. Ergänzend bestimmen die Betriebssicherheitsverordnung, die Gefahrstoffverordnung und die TRGS 727 (Vermeidung von Zündgefahren infolge elektrostatischer Aufladungen), welche Kleidung Sie konkret in Ihrer Anlage einsetzen müssen.
Rechtslage in Kürze: Geräte und Schutzsysteme werden nach der Richtlinie 2014/34/EU zertifiziert, Schutzkleidung dagegen nach der PSA-Verordnung (EU) 2016/425. Eine Änderungsrichtlinie zur Geräte-Richtlinie muss bis Mai 2026 in nationales Recht umgesetzt werden (das betrifft Anlagentechnik, nicht Ihre Bestellliste für Arbeitskleidung).
Für Ihre Beschaffung heißt das: Prüfen Sie bei jedem Angebot die Konformitätserklärung nach PSA-Verordnung und die Kategorie III, nicht ein angebliches ATEX-Siegel. Wer Ihnen letzteres anbietet, hat entweder die Rechtslage nicht verstanden oder verkauft Ihnen einen Begriff, der im Audit nicht standhält.
Welche Kleidung schreibt die Zone wirklich vor?
Die Ex-Zonen-Einteilung aus Ihrer Gefährdungsbeurteilung bestimmt, wie streng Ihre Kleidungsvorgaben ausfallen. Grundregel: Wo Explosionsgefahr besteht, besteht auch Feuergefahr. Deshalb wird antistatische Kleidung in der Praxis fast immer mit Flammschutz kombiniert verlangt, weil eine Zündquelle im Ex-Bereich sich direkt in eine Brandgefahr für die tragende Person verwandelt.
Zone | Anforderung an die Kleidung | Typische Situation |
|---|---|---|
Zone 0 / 20 | Ausschließlich ableitfähige Kleidung (Oberflächenwiderstand unter 5·10^10 Ω), kombiniert mit Flammschutz; Wechseln in der Zone verboten | Inneres eines Tanks oder Silos während Reinigung/Wartung |
Zone 1 / 21 | Antistatisch nach EN 1149-5 plus Flammschutz nach EN ISO 11612; Umziehen ebenfalls untersagt | Umfüllbereich im Tanklager, Bereich um Abfüllstationen in der Raffinerie |
Zone 2 / 22 | Antistatisch plus Flammschutz empfohlen, Erdung über Schuhwerk weiterhin Pflicht | Regelbetrieb am Gasnetz, Randbereiche von Lackierkabinen |
Diese Einteilung entnehmen Sie Ihrer eigenen Gefährdungsbeurteilung, in der die Zonen der Anlage bereits dokumentiert sind. Aus dieser Dokumentation leiten Sie die Kleidungsanforderung direkt ab: Je näher am möglichen Zündherd, desto strikter die Vorgabe zur Ableitfähigkeit.
EN ISO 11612, EN 1149-5 und Co.: Die Normen-Codes im Klartext
Fünf Normen-Kürzel entscheiden über Ihre Auswahl. Jedes deckt eine andere Gefahr ab; Verwechslungen führen zu unzureichendem oder unnötig teurem Schutz.
Norm | Bedeutung | Wann nötig |
|---|---|---|
EN ISO 11612 | Hitze- und Flammschutz mit Codes A bis F | Immer in Ex-Zonen mit Flamm- oder Hitzegefahr, meist in Kombination mit EN 1149-5 |
EN 1149-5 | Antistatische Leistungsanforderungen an Material und Konstruktion | Für alle Tätigkeiten in explosionsgefährdeter Atmosphäre, nie als alleiniger Schutz |
EN ISO 14116 | Begrenzte Flammenausbreitung ohne wesentliche Hitzegefahr | Nur bei kurzem, unbeabsichtigtem Kontakt mit kleinen Zündflammen ohne relevante Hitzequelle |
IEC 61482-2 | Störlichtbogenschutzklasse 1 oder 2 im Box-Test | Bei zusätzlicher elektrischer Gefährdung, etwa an Schaltanlagen im Tanklager |
EN ISO 11612 verlangt zwingend die Flammausbreitungscodierung A1 (Beflammung der Fläche) und/oder A2 (Beflammung der Kante) plus mindestens eine weitere Kategorie: B für konvektive Hitze, C für Strahlungshitze, D für flüssiges Aluminium, E für flüssiges Eisen, F für Kontaktwärme. Ein Kleidungsstück ohne A-Code ist nicht normkonform, unabhängig von anderen Buchstaben auf dem Etikett.
Je höher die Zahl hinter dem Buchstaben, desto länger hält das Material der jeweiligen Belastung stand. Die Norm ist nicht gesetzlich verpflichtend, dient aber als Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung. Entscheidend ist die zur tatsächlichen Gefährdung passende Schutzstufe, ermittelt aus Tätigkeit, Expositionsdauer und Hitzequelle laut Rofa.
EN 1149-5 ist die wohl am häufigsten missverstandene Norm in diesem Feld. Sie ist ausdrücklich nur zulässig, wenn die Kleidung zusätzlich einer Flammschutznorm wie EN ISO 11612 entspricht. Der spezifische Oberflächenwiderstand homogener antistatischer Materialien muss dabei bei höchstens 2,5×10⁹ Ω liegen, gemessen nach EN 1149-1.
Für den Ladungsabbau nach EN 1149-3 gilt: Die Ausgangsladung muss innerhalb von vier Sekunden auf die Hälfte sinken, oder die Schirmdämpfung muss über 0,2 liegen. Diese Kleidung schützt zudem nicht in sauerstoffangereicherten Umgebungen und bietet keinen Schutz vor elektrischem Schlag durch Netzspannung.
Häufigster Fehler: EN 1149-5 wird oft als eigenständiger "Ex-Schutz" verkauft. Tatsächlich funktioniert die Norm nur als Teil eines vollständig geerdeten Systems aus Kleidung, leitfähigem Schuhwerk und ableitfähigem Boden. Ohne diese Kette bleibt auch das teuerste antistatische Hemd wirkungslos.
EN ISO 14116 und IEC 61482-2 runden das Bild ab, sind für Ihren Ex-Bereich aber meist Ergänzung statt Kern. 14116 deckt nur begrenzte Flammenausbreitung bei kurzem Kontakt mit kleinen Zündflammen ab und ersetzt laut Uvex Safety keinen echten Hitzeschutz. IEC 61482-2 wird relevant, sobald an der Anlage zusätzlich eine Störlichtbogengefahr besteht, etwa an Schaltschränken im Tanklager, deckt aber selbst keinen Schutz vor elektrischem Schlag ab.
Was kostet Multinorm-Schutzkleidung für Tanklager und Raffinerie?
Die Preisspanne hängt von der Anzahl kombinierter Normen ab. Ein reines Flammschutz-Shirt ist günstiger als ein Vollausstattungs-Overall mit vier oder fünf Normen gleichzeitig.
Kleidungsstück | Normkombination | Richtpreis |
|---|---|---|
FR-MultiNorm-T-Shirt | EN ISO 11612, EN 1149-5 | ab rund 28–37 € |
Multinorm-Hemd | EN ISO 11612, EN 1149-5 | ab rund 44–76 € |
Multinorm-Hose (Mittelklasse) | EN ISO 11612, EN ISO 11611, EN 1149-5, IEC 61482-1-2 | ab rund 56 € netto |
MultiNorm-Jacke Einstiegsklasse | EN ISO 11612, EN 1149-5, IEC 61482-2 | ab rund 92 € |
MultiNorm-Overall mit Reißverschluss | EN ISO 11612, EN 1149-5, IEC 61482-2 | rund 142 € |
Premium-Softshelljacke MultiNorm | EN 1149-5, EN ISO 11611, EN ISO 11612, EN 13034, IEC 61482-2 | rund 185 € brutto |
Wo Ihr Einsatzfall in dieser Spanne landet, hängt vom Zündrisiko und vom Hersteller ab. Für Tanklager und Regelbetrieb am Gasnetz (meist Zone 2) reicht oft ein FR-Shirt oder -Hemd von Portwest (Modelle FR806, FR89) kombiniert mit einer Multinorm-Hose der Mittelklasse, wie sie etwa DK-Arbeitsschutz führt, da die Erdung über Schuhwerk den Hauptteil der Schutzwirkung trägt.
In Raffinerien mit häufigerem Aufenthalt in Zone 1, etwa an Abfüllstationen, lohnt sich eine Jacke der Einstiegsklasse wie die Portwest FR08 MultiNorm Ultra oder der Overall von HaVeP (5Safety 29061, mit Reißverschluss und Störlichtbogenschutz APC1), da hier auch Schaltanlagen in Reichweite liegen. Für Vollausstattung mit fünf kombinierten Normen inklusive Chemikalienschutz und Schweißschutz steht die HaVeP 5Safety Image+ Softshelljacke am oberen Ende der Preisspanne.
Für den reinen Gasnetzbetrieb gibt es keine gesonderte Preiskategorie am Markt; die Einordnung erfolgt über dieselben Multinorm-Produkte, die Hersteller ausdrücklich auch für Gaspipelines und Gasversorgungsanlagen freigeben. Als Materialbeispiel im mittleren Preissegment eignet sich eine Mischung aus 98 % Baumwolle und 2 % Karbon mit rund 260 g/m², wie sie bei entsprechenden Multinorm-Hosen verarbeitet wird. Kolzen führt vergleichbare Kombinationen dieser Hersteller im Sortiment für Raffinerien und Tanklager, von einzelnen T-Shirts bis zur vollausgestatteten Softshelljacke, und ist damit neben Portwest, HaVeP oder DK-Arbeitsschutz eine ehrliche Bezugsquelle für Ihre Beschaffung. Wer regelmäßig größere Stückzahlen mit Firmenlogo ausstattet, findet Details zu Verfahren und Preisen im Beitrag Arbeitskleidung bedrucken lassen.
Für Ihre Budgetplanung lohnt sich ein zweiter Blick auf angrenzende Berufsgruppen mit ähnlicher Normlogik. Wer zusätzlich elektrische Gefährdung in der Anlage hat, findet im Artikel zu Multinorm-Sets für Elektriker vergleichbare Preisstrukturen für kombinierte Normkleidung.
Trageregeln: Warum der Schutz nur geerdet und geschlossen wirkt
Fünf Trageregeln entscheiden in der Praxis über Wirksamkeit oder Ausfall des Schutzes:
Vollständige Bedeckung: Nur geschlossene, überlappende Kleidung verhindert Aufladung.
Erdung über Schuhwerk und Boden: Antistatische Kleidung ist nur zündgefahrenfrei bei vollständiger Erdung.
Kein Wechseln in Zone 0 oder 1: Die TRGS 727 verbietet das Umziehen, da dieser Vorgang Aufladung erzeugt.
Nur ableitfähige Kleidung in Zone 0: Dort gilt Oberflächenwiderstand unter 5·10^10 Ω.
Passende Unterwäsche aus Naturfasern oder FR-Material.
Diese Regeln bilden gemeinsam die einzige Kette, die im Ernstfall zählt. Fehlt ein Glied, ist die Norm auf dem Etikett bedeutungslos.
Waschen und Pflegen: So bleibt der Schutz erhalten
Ableitfähige Kleidung darf ihre Eigenschaft durch Waschen nicht verlieren. Das ist ausdrücklich Teil der Vorgabe aus der TRGS 727. In der betrieblichen Praxis bedeutet das: Waschen Sie ausschließlich nach der Pflegekennzeichnung des Herstellers, nicht nach der Routine für normale Arbeitskleidung, denn die zulässige Waschzyklenzahl und Temperatur unterscheiden sich von Modell zu Modell und stehen nur auf dem Etikett des jeweiligen Kleidungsstücks.
Industriewäsche mit kontrolliertem Waschprogramm ist die zuverlässigere Wahl gegenüber der Haushaltswaschmaschine, weil Temperatur, Schleuderzahl und Waschmittel dort konstant bleiben und nicht versehentlich mit Weichspüler oder falscher Temperatur vermischt werden. Wird dennoch im Betrieb oder zuhause gewaschen, gehört ein Weichspülerverbot fest in die Pflegeanweisung, denn Weichspüler kann die Ableitfähigkeit spürbar beeinträchtigen, unabhängig vom Hersteller.
Bevor Sie ein Kleidungsstück ablegen, prüfen Sie es auf sichtbare Schäden an Nähten und Gewebe, auf offene Reißverschlüsse, die nicht mehr vollständig schließen, und auf angebrachte Flicken oder Reparaturen. Eigenmächtig geflickte oder mit fremdem Stoff geänderte Kleidung verliert ihre Konformitätserklärung, selbst wenn sie äußerlich intakt wirkt.
Vom Normen-Dschungel zur fertigen Bestellliste
Die Auswahl endet nie bei einer einzelnen Norm auf dem Etikett. Erst die Kette aus Zone, Normkombination, Erdung über Schuhwerk und Boden sowie korrekter Pflege macht aus einem zertifizierten Kleidungsstück tatsächlich wirksamen Schutz.
Übersetzen Sie diese Kette jetzt in eine konkrete Bestellanforderung: Zone laut Gefährdungsbeurteilung, benötigte Normkombination aus EN ISO 11612 und EN 1149-5, gegebenenfalls IEC 61482-2 bei Störlichtbogengefahr, sowie die Stückzahl je Größe und Team. Mit dieser Liste können Sie bei Kolzen ein belastbares Angebot anfragen, das genau auf Ihre Zone und Tätigkeit zugeschnitten ist.
Häufige Fragen zu Schutzkleidung in Ex-Bereichen
Reicht EN 1149-5 auch ohne Flammschutznorm für kurze Arbeiten in Zone 2?
Nein, EN 1149-5 ist ausdrücklich nur zulässig, wenn die Kleidung zusätzlich eine Flammschutznorm wie EN ISO 11612 erfüllt, unabhängig davon, wie kurz der Einsatz ausfällt. Die Dauer der Tätigkeit ändert nichts an der Zündgefahr, die durch elektrostatische Aufladung entsteht, weshalb Kurzeinsätze keine Ausnahme von dieser Normkombination rechtfertigen.
Muss auch die Unterwäsche flammhemmend oder antistatisch sein?
Die vollständige Kleidungsschicht muss als System funktionieren, weshalb nicht-konforme Unterwäsche aus Kunstfasern die Schutzwirkung der Oberbekleidung untergraben kann, etwa durch Schmelzen bei Hitze oder zusätzliche elektrostatische Aufladung. In der Praxis empfiehlt sich Unterwäsche aus Naturfasern oder ausgewiesenem FR-Material, besonders in Zonen mit strenger Erdungspflicht.
Gilt die Kleiderpflicht auch für Fremdfirmen und kurze Wartungseinsätze?
Ja, die TRGS 727 gilt für alle Personen, die in explosionsgefährdeten Bereichen tätig sind, auch bei Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten mit möglicher gefährlicher explosionsfähiger Atmosphäre. Der Betreiber der Anlage ist verantwortlich dafür, dass auch Fremdfirmen-Mitarbeiter diese Vorgaben einhalten, weshalb entsprechende Kleiderregeln meist fest in Fremdfirmen-Koordinationsverträgen verankert sind.
Wie erkenne ich, ob mehrere Angebote wirklich gleichwertig sind?
Vergleichen Sie zuerst die Normkombination auf dem Etikett, nicht den Preis: Nur wenn EN ISO 11612 mit vollständigem Buchstaben-Code und EN 1149-5 gemeinsam ausgewiesen sind, decken sich die Angebote inhaltlich. Fehlt bei einem Anbieter die Konformitätserklärung nach PSA-Verordnung Kategorie III oder wird nur ein Teil der Normen genannt, ist das Angebot trotz ähnlichen Preises nicht gleichwertig.
Wie stelle ich eine passende Bestellanforderung für mehrere Zonen im selben Betrieb zusammen?
Gliedern Sie die Anforderung nach Zone, nicht nach Kleidungstyp: Notieren Sie für jeden Bereich die dort geltende Normkombination aus Ihrer Gefährdungsbeurteilung, die benötigte Stückzahl je Größe und ob zusätzlich Störlichtbogenschutz nötig ist. So lässt sich ein Angebot in einem Schritt anfragen, statt für jede Anlage einzeln nachzufragen.