Schutzkleidung Störlichtbogen Klasse 2: Werte & Auswahl
Schutzkleidung Störlichtbogen Klasse 2 bis 7 kA
Schutzkleidung gegen Störlichtbogen der Klasse 2 hat die strengere der beiden europäischen Prüfklassen nach IEC 61482-1-2 bestanden. Ob sie an Ihrer Schaltanlage ausreicht, zeigt erst die Energie, die ein Fehler dort tatsächlich freisetzt, und diese berechnen Sie mit wenigen Anlagendaten nachvollziehbar.
Klasse 2 heißt: im Labor-Box-Test mit 7 kA über 500 ms bei AC 400 V bestanden.
Die Einstufung trifft der Betreiber per Gefährdungsbeurteilung nach DGUV Information 203-077, mit Kurzschlussstrom und Abschaltzeit als Kerndaten.
„RWE-zertifiziert bis 10 kA/1 s“ ist eine Zusatzanforderung von Westnetz, die deutlich über Klasse 2 hinausgeht.
Jacke und Hose lassen Gesicht, Hals und Hände offen, deshalb gehören Visier, Haube und Klasse-2-Handschuhe dazu.
Schutzkleidung gegen Störlichtbogen Klasse 2 nach IEC 61482-1-2: Prüfstrom, Lichtbogendauer und Energiewerte
Klasse 2 bedeutet: Das Material hat einen Störlichtbogen mit 7 kA über 500 ms ohne Durchbrand und ohne kritische Wärmedurchlässigkeit überstanden. Klasse 1 wird nach demselben Verfahren mit 4 kA geprüft. Im Box-Test brennt der Lichtbogen zwischen zwei Elektroden in einer nach vorn offenen Prüfbox und wird gezielt auf die Probe gelenkt. Das Ergebnis ist eindeutig: bestanden oder nicht bestanden. Die exakten Toleranzen legt der Prüfgrundsatz GS-ET-29 der BG ETEM fest.
Kenngröße | Klasse 1 (APC1) | Klasse 2 (APC2) |
|---|---|---|
Prüfstrom | 4 kA ± 5 % | 7 kA ± 5 % |
Lichtbogendauer | 500 ms ± 5 % | 500 ms ± 5 % |
Prüfspannung | AC 400 V ± 5 % | AC 400 V ± 5 % |
Lichtbogenenergie (Prüfpegel) | 168 kJ | 320 kJ |
Direkte Einwirkenergie | 146 kJ/m² | 427 kJ/m² |
Für Ihre Beschaffung sind die beiden unteren Zeilen der eigentliche Gewinn. Die Energiewerte aus der Handlungsanleitung der DGUV sind die Referenzgrößen, mit denen Sie den Schutz auf Ihren realen Arbeitsplatz hochrechnen. Mit ihnen begründen Sie Ihre Auswahl belastbar gegenüber Geschäftsführung und Berufsgenossenschaft.
Neben dem Box-Test gibt es einen zweiten Prüfweg: die Open-Arc-Methode nach IEC 61482-1-1. Sie liefert einen Energiewert in cal/cm². Zwei Kennwerte sind dabei gebräuchlich, und genau hier entstehen die meisten Missverständnisse in Angeboten.
Zwei Werte, eine Einheit: Der ATPV ist vor allem in den USA und Kanada verbreitet und beschreibt die Energie, bei der eine Verbrennung zweiten Grades mit 50 % Wahrscheinlichkeit eintritt. Der in Europa übliche ELIM markiert die Energie, bei der diese Wahrscheinlichkeit praktisch bei null liegt. Beide stehen in cal/cm², lassen sich aber weder direkt vergleichen noch ineinander umrechnen. Prüfen Sie beim Angebotsvergleich zuerst, welcher der beiden Werte genannt ist.
Eine Abgrenzung gehört in jede Gefährdungsbeurteilung: Störlichtbogenschutzkleidung schützt vor Wärmewirkung. Sie isoliert nicht und schützt nicht vor Körperdurchströmung. Rechnen Ihre Mitarbeiter mit Berührungsspannung, ergänzen Sie isolierende Handschuhe und isoliertes Werkzeug. So decken Sie beide Gefährdungen sauber ab.
Was bedeutet „bis 7 kA“ wirklich für Ihre Anlage?
„Bis 7 kA“ beschreibt den Prüfstrom im Labor. Er gibt keinen Grenzwert für Ihren Schaltschrank an. An Ihrer Anlage zählt allein die Energie, die ein Fehler im Arbeitsabstand Ihres Mitarbeiters freisetzt. Diese Energie weicht aus drei Gründen deutlich vom Prüfwert ab.
Erstens begrenzt der Lichtbogen seinen eigenen Strom. Seine Impedanz drückt den tatsächlichen Fehlerstrom unter den prospektiven Kurzschlussstrom, den Ihr Netzbetreiber angibt. Im Niederspannungsbereich rechnet die DGUV deshalb üblicherweise mit einem Strombegrenzungsfaktor von 0,5. Der Lichtbogenstrom liegt also nur bei rund der Hälfte des berechneten Kurzschlussstroms. Wer den kA-Wert vom Typenschild einfach neben die „7 kA“ der Kleidung legt, vergleicht zwei unterschiedliche Größen.
Zweitens entscheidet der Abstand, und zwar quadratisch. Der Prüfpegel bezieht sich auf 300 mm. Arbeitet Ihr Elektriker in 600 mm Entfernung, schützt dieselbe Kleidung vor der vierfachen Energie. Arbeitet er näher als 300 mm an der Fehlerstelle, sinkt der Schutzpegel entsprechend.
Drittens prägt die Bauform der Anlage, wie viel Energie beim Menschen ankommt. Ein Lichtbogen in einer engen Box wirkt wie ein Schuss aus dem Lauf, gerichtet und gebündelt. Ein offen brennender Lichtbogen strahlt eher wie ein Lagerfeuer in alle Richtungen. Der Transmissionsfaktor bildet genau das ab: 1,0 für kleinräumige Boxen, 1,5 bis 1,9 für großräumige Anlagen mit Rückwand und 2,4 für offen brennende Lichtbögen.
Dazu kommt die Brenndauer. Geprüft wird mit 500 ms. Schaltet Ihre vorgeschaltete Sicherung langsamer ab, steigt die Energie mit jeder zusätzlichen Millisekunde. Die Abschaltzeit ist der größte Hebel.
Merksatz: Klasse 2 heißt 7 kA über 0,5 s im Box-Test, und das gilt nicht automatisch für 7 kA in Ihrer Anlage. Den Schutzpegel für Ihren Arbeitsplatz rechnen Sie mit WLBS = kT · (a / 300 mm)² · WLBP hoch. Dabei ist kT der Transmissionsfaktor, a der Arbeitsabstand und WLBP der Prüfpegel der Klasse.
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RWE-zertifiziert bis 10 kA: die Zusatzprüfung über Klasse 2 hinaus
„RWE-zertifiziert bis 10 kA/1 s“ ist ein Anforderungsprofil des Netzbetreibers Westnetz, vormals RWE, und keine Normklasse. Die Anforderung arbeitet mit eigenem Testverfahren und liegt mit 10 kA über eine volle Sekunde deutlich über der Normklasse APC2 mit 7 kA über 0,5 s.
Das Profil entstand noch zu RWE-Zeiten. Lange konnte es nur ein einziger Hersteller umsetzen, erst 2022 gelang es einem zweiten mit einem speziellen dreilagigen Materialaufbau. Die exakten Prüfparameter sind nicht öffentlich dokumentiert, die Angaben zur Prüfung stützen sich auf Aussagen von Westnetz und den Herstellern.
In der Praxis erkennen Sie solche Produkte an zwei getrennt ausgewiesenen Merkmalen: „IEC 61482-1-2 Klasse 2“ und zusätzlich „RWE EuroTest, Schutz vor Störlichtbogen bis 10 kA / 1 s“. Relevant wird das, sobald ein Netzbetreiber diese Anforderung für Arbeiten in seinem Netz vertraglich vorschreibt. Achten Sie besonders bei Arbeiten am Hausanschluss darauf. Das Ziehen von NH-Sicherungen kann dort nach DGUV-Rechenbeispielen bereits über Klasse 2 hinausgehen. Fragen Sie deshalb bei jedem Netzbetreiber-Auftrag schriftlich nach, ob „Klasse 2“ oder „10 kA/1 s“ gefordert ist, und beschaffen Sie gezielt danach.
So ermitteln Sie die richtige Klasse für Ihren Betrieb
Die richtige Klasse ermitteln Sie über das fünfstufige Auswahlverfahren der DGUV Information 203-077 „Thermische Gefährdung durch Störlichtbögen“. Sie gilt für elektrotechnische Arbeiten über AC/DC 50 V in Anlagen bis unterhalb 110 kV AC. Die Einstufung trifft der Betreiber, der Kleidungshersteller liefert dafür die geprüften Schutzpegel.
Das Verfahren entlastet Sie spürbar. Es folgt dem TOP-Prinzip: Technische und organisatorische Maßnahmen haben Vorrang, und die persönliche Schutzausrüstung gegen Störlichtbögen (PSAgS) deckt nur das verbleibende Restrisiko ab. Sie müssen also nicht reflexhaft den gesamten Betrieb in Vollschutz kleiden.
Prüfen Sie, ob bei der Tätigkeit eine Störlichtbogen-Exposition möglich ist.
Prüfen Sie die DGUV-Ausnahmen, etwa einen Kurzschlussstrom unter 1 kA oder Absicherung bis 63 A.
Berechnen Sie die zu erwartende Lichtbogenenergie und vergleichen Sie mit dem Schutzpegel von APC1 und APC2.
Reicht keine Klasse aus, senken Sie die Energie durch schnellere Abschaltung oder größeren Arbeitsabstand.
Bewerten Sie das Restrisiko in einer Risikomatrix aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Verletzungsschwere.
Wie knapp die Entscheidung ausfallen kann, zeigt ein Rechenbeispiel der DGUV aus der Transformatorstation. Mit einem 400-kVA-Trafo reicht für Standardarbeiten Klasse 1, und zwar in beiden Rechenvarianten. Mit einem 630-kVA-Trafo an derselben Verteilung ergeben sich im Worst Case rund 690 kJ und in der genaueren Rechnung rund 258 kJ. Der hochgerechnete Schutzpegel der Klasse 2 liegt dort bei 480 kJ. Je nach Methode reicht Klasse 2 oder nicht.
Diese Zahlen sichern Ihre Entscheidung ab. Wer die genauere Rechnung dokumentiert, kann Klasse 2 fachlich begründen. Wer nur den Worst Case ansetzt, landet bei zusätzlichen Maßnahmen.
Anlagendaten beschaffen: Prospektiven Kurzschlussstrom und R/X-Verhältnis der Netzimpedanz erhalten Sie vom Netzbetreiber für Ihren Übergabepunkt. Die Ausschaltzeit der vorgeschalteten Schutzeinrichtung und die Leiterabstände finden Sie in der Anlagendokumentation oder bekommen sie von Ihrem E-Planer. Den Arbeitsabstand legen Sie für jede Tätigkeit selbst fest und halten ihn in der Gefährdungsbeurteilung fest.
Die vollständige PSA-Ausstattung: mehr als Jacke und Hose
Vollständiger Störlichtbogenschutz der Klasse 2 umfasst den Körperschutz und zusätzlich Kopf-, Gesichts- und Handschutz derselben Klasse. Der Lichtbogen trifft Gesicht, Hals und Hände zuerst, denn diese Zonen liegen bei der Arbeit am Feld am nächsten an der Fehlerstelle. Stellen Sie Ihr Set deshalb als System zusammen:
Jacke und Hose oder Schaltmantel der Klasse 2 schützen Rumpf und Beine, wenn die Teile lückenlos überlappen.
Das Dehn SE Visier der Klasse 2 schützt als Störlichtbogen-Schutzschirm mit ATPV 14 cal das Gesicht.
Für Kopf und Nacken ist die DehnCare APHO AS Haube der Klasse 2 gedacht.
Die Dehn Schutzhandschuhe APC2 mit 250 mm Stulpe sind bis 7 kA geprüft und überlappen den Ärmel.
Sicherheitsschuhe in elektrisch isolierender Ausführung vervollständigen das Set für Arbeiten unter Spannung.
Schutz wirkt nur bei geschlossenem Anzug. Bei Berührungsspannung ergänzen Sie zusätzlich isolierende Handschuhe. Eine offene Jacke, hochgekrempelte Ärmel oder ein Spalt zwischen Jacke und Hose heben den Schutz an genau dieser Stelle auf. Genauso wichtig ist, was darunter getragen wird. Unterwäsche aus Kunstfasern kann bei Hitze schmelzen und Verbrennungen verstärken, auch unter einer normgerechten Jacke. Geben Sie Ihren Teams deshalb Unterwäsche aus flammhemmendem Material oder Naturfaser mit und nehmen Sie beide Punkte fest in die jährliche Unterweisung auf.
Klasse 1 oder Klasse 2: welche Branche braucht was?
Die Branche gibt eine erste Richtung vor, die Entscheidung trifft aber die Anlage. Maßgeblich bleibt die Rechnung für den einzelnen Arbeitsplatz.
Branche und Tätigkeit | Typische Einstufung | Worauf Sie achten |
|---|---|---|
Stadtwerke und Netzbetrieb, Standardarbeiten in der Trafostation | Klasse 1 oder Klasse 2, abhängig von der Trafoleistung | Genauere Rechnung dokumentieren, bei Trafo-Tausch neu rechnen |
NH-Sicherungswechsel am Hausanschlusskasten | Klasse 2 oder darüber hinaus | Arbeitsschutzsicherung, Abstand, Netzbetreiber-Vorgabe prüfen |
Industrie-Instandhaltung, Absicherung bis 63 A | Langärmelige Kleidung mit langer Hose genügt | Ausnahme in der Beurteilung festhalten |
MSR-Anlagen mit Absicherung bis 25 A | Keine PSAgS erforderlich | Absicherung dokumentieren |
Automobil-Hochvolt und Batteriespeicher | Einstufung per Berechnung | Gilt auch für DC über 50 V, Speicher liefern hohe Kurzschlussströme |
Raffinerien und Tanklager | Klasse laut Anlagenrechnung | Zusätzlich Flammschutz und Antistatik für Ex-Bereiche |
In Raffinerien und Tanklagern tritt Störlichtbogenschutz praktisch nie allein auf. Dort kombinieren Sie ihn mit Flammschutz nach EN ISO 11612 und Antistatik nach EN 1149-5, bei Arbeiten im Verkehrsbereich zusätzlich mit Warnschutz nach EN ISO 20471. Multinorm-Kleidung vereint diese Anforderungen in einem Teil. Das spart Umkleidezeit und senkt den Lageraufwand.
Die richtige Klasse ist keine einmalige Entscheidung
Die Einstufung bleibt an Ihre Anlage gebunden. Tauschen Sie einen Trafo, ändern Sie die Absicherung oder unterschreiben Sie einen neuen Netzbetreiber-Vertrag, rechnen Sie die Klasse neu. Schon eine höhere Trafoleistung an derselben Verteilung kann die Einstufung kippen. Wer das einplant, beschafft einmal richtig und begründet jede Nachbestellung sauber. So gehen Sie jetzt vor:
Fordern Sie Kurzschlussstrom und Abschaltzeit beim Netzbetreiber an und legen Sie Arbeitsabstände je Tätigkeit fest.
Rechnen Sie die Lichtbogenenergie nach dem DGUV-Verfahren und dokumentieren Sie das Ergebnis je Anlagentyp.
Senden Sie Ihre Anfrage mit geforderter Klasse, Zusatznormen, eventueller 10-kA-Vorgabe und Größenspiegel.
Mit diesen Angaben stellt Ihnen Kolzen das passende Set für Störlichtbogenschutz der Klasse 2 zusammen und bedruckt die Schutzkleidung auf Wunsch flammhemmend mit Ihrem Firmenlogo. Fordern Sie Ihr individuelles Angebot an, damit Ihre Teams geschützt und einheitlich ausgestattet in die nächste Schaltsaison starten.
Häufige Fragen zur Störlichtbogen-Schutzkleidung Klasse 2
Welche Unterlagen sollte ich mir vom Lieferanten geben lassen?
Die EU-Konformitätserklärung und die EU-Baumusterprüfbescheinigung gehören in jede Beschaffungsakte. Achten Sie darauf, dass Klasse, Norm mit Ausgabejahr und Modell mit dem Etikett übereinstimmen. So belegen Sie bei Audit und Berufsgenossenschaft lückenlos, was Ihre Teams tragen.
Kann ich zwei Kleidungsstücke der Klasse 1 kombinieren, um auf Klasse 2 zu kommen?
Nein. Eine Klasse gilt nur für die geprüfte Konfiguration. Ein Lagensystem zählt nur dann als Klasse 2, wenn es genau in dieser Kombination geprüft und so gekennzeichnet ist.
Reicht Klasse 1, wenn meine Anlage unter 4 kA Kurzschlussstrom hat?
Nein, nicht automatisch. Maßgeblich ist die Lichtbogenenergie am Arbeitsplatz, und die hängt zusätzlich von Abschaltzeit und Arbeitsabstand ab. Schaltet die Sicherung langsam ab oder arbeiten Ihre Teams dicht am Feld, kann auch bei niedrigem Kurzschlussstrom Klasse 2 nötig sein.
Was passiert, wenn im Team Kleidung der Klasse 1 und Klasse 2 gemischt wird?
Ein Mitarbeiter in Klasse-1-Kleidung ist an einem Klasse-2-Arbeitsplatz unzureichend geschützt. Lagern Sie beide Klassen getrennt, kennzeichnen Sie Spinde und Ausgabelisten eindeutig und unterweisen Sie Ihr Team, welche Tätigkeit welche Klasse verlangt.
Wie oft muss die Schutzkleidung ausgetauscht oder geprüft werden?
Vor jedem Einsatz prüfen Ihre Mitarbeiter die Kleidung per Sichtprüfung auf Löcher, Brandspuren und defekte Verschlüsse. Beschädigte Teile sondern Sie aus. Waschzyklen, Pflege und zulässige Reparaturen richten sich nach der Herstellerangabe auf dem Etikett.
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